
Das Schul- und Erziehungswesen von São Tomé wiederspiegelt den Niedergang, welche auch das Gesundheitswesen, die öffentliche Verwaltung und die Wirtschaft seit der Unabhängigkeit von Portugal erfasst hat. Die Schulen sind heute nicht mehr in der Lage die rasch anwachsende Schülerschar mit dem nötigen Grundwissen auszustatten obwohl die Bekämpfung der Unwissenheit zu den obersten Zielen aller zivilisierten Staaten und der UNICEF gehört.
Heutige Situation
Die Schüler und die Schulpflicht
Bei rasch wachsender Kinderzahl konnten natürlich die Schulen die erforderlichen Einrichtungen und die nötigen Lehrer nicht mehr zur Verfügung stellen. Die zunehmende Verarmung hält die Kinder vom Schulbesuch ab, weil diese mithelfen müssen, ihre Nahrung auf den Feldern zu beschaffen. Kinderarbeit ist ein weitverbreitetes Übel und schon kleine Kinder arbeiten auf dem Bau und schleppen dort Steine, Mörtel und Ziegel. Nach der Reprivatisierung der Plantagen sind zahlreiche Kindergärten und auch einige Schulen aus finanziellen Gründen geschlossen worden. Der Jahresbericht der UNICEF gibt die Schulfrequenz mit 66 % der schulpflichtigen Kinder an. Die Analphabetenrate ist wieder am steigen, nachdem 1994 angeblich 75 % lesen und schreiben konnten. Die relativ hohe Zahl der Schreibkundigen täuscht natürlich wie übrigens auch bei uns in Europa und in der Schweiz weil viele Leute wohl einzelne Buchstaben, Wörter und Sätze entziffern oder schreiben können, die rudimentären Kenntnisse erlauben ihnen jedoch nicht, diese Lese- und Schreibkunst praktisch zu verwerten (funktioneller Analphabetismus).
Die UNICEF empfiehlt in der Primarschule ein Schulepensum von 1100 Lektionen pro Jahr, São Tomé kommt ca. auf die Hälfte der empfohlenen Stundenzahl. Der Schulbetrieb ist nur dank einem Zwei- bzw. Dreitschichten-Betrieb möglich (morgens, nachmittags und abends).
Zu allem Übel hat man vor einigen Jahren die Pflicht zur Schuluniform eingeführt ; je nach Schule und Klasse muss der Schüler entsprechend eingekleidet werden. Dies hat zu lebhaften Emotionen im Land geführt. Immerhin sieht man in ländlichen Gegenden immer noch die meisten Kinder, die oft nur in kurzen Hosen oder einfachen Röcken bekleidet, die Schulbank drücken. Über diese Vorschrift scheint man sich zum Glück grosszügig hinwegzusetzen, weil sonst viele Mittellose wegen fehlender Uniform gar nicht in die Schule könnten.
Die Lehrer und ihre Ausbildung
1997 musste das Lehrerseminar in der Stadt wegen Geldmangel geschlossen werden. Seither bilden jene Gymnasiasten, die mindestens 9 Schuljahre besucht haben, den jungen Lehrkörper. Siebzig Prozent der heutigen Lehrer haben keine entsprechende Ausbildung. Die älteren, ausgebildeten Kollegen verlassen ihren Beruf immer öfter vorzeitig weil der sehr tiefe Lohn ihnen und ihren Familien kaum ein richtiges Überleben erlaubt und weil sie nur mit einer Nebenarbeit überhaupt existieren können. Andrerseits hat nur ganz selten hat ein junger Maturand das Glück, ein Stipendium für das Ausland zu erhalten und wenn dieser einmal im Ausland eine Ausbildung abgeschlossen hat, wird er sicher nicht mehr in seine Heimat in die kargen Verhältnissen zurückkehren. Es herrscht auch hier ein „brain drain“ wie in den übrigen qualifizierten Berufen. Mag der Schulunterricht in den ersten zwei bis drei Klassen durch nicht pädagogisch ausgebildete Studenten noch genügen wird sie in höheren Klassen immer problematischer. Ab der fünften Klasse stellen die Zusatzfächer in den Naturwissenschaften und Fremdsprachen schon fachgerechte Bildung voraus. Was in einigen Jahren auf der Stufe des Gymnasium passieren wird, kann heute schon vorausgesehen werden, wenn nicht ein Wunder eintritt. Zwar hat man seit drei Jahren damit begonnen, in einigen Bezirken die Lehrer in berufsbegleitenden Fernkursen auszubilden mit ergänzendem Gruppenunterricht am Wochenende und in den Ferien. Am Schluss bekommen diese Junglehrer dann einen Ausweis und eine höhere Lohnklasse.
Schule und Gesundheit
Das UNICEF schätzt, dass 72% der Schwangeren und 69 % der Kinder unter 5 Jahre wegen Eisenmangel blutarm sind. 40 % der Kinder sollen Eiweiss-Mangelernährung haben. Bei den Kindern ist chronische Malaria, Darmparasiten und der nahrungsbedingte Eisenmangel der häufigste Grund für die Blutarmut. Die Mädchen werden häufig schon mit vierzehn Jahren das erste Mal schwanger, weil sie nicht richtig aufgeklärt sind oder weil sie vergewaltigt werden. HIV und AIDS ist ein zunehmendes Problem, wenn es auch bei weitem noch nicht die Ausmasse wie im südlichen Kontinental-Afrika angenommen hat.
Das Welt-Ernährungsprogramm (WFP oder PAM) liefert wohl den Schulen Nahrungsmittel, doch muss die Schule bzw. der Staat die nötige Infrastruktur zu deren Zubereitung zur Verfügung stellen. Selbstverständlich fehlen ihm die Mittel dazu und Hilfsorganisationen können den Staat nicht ganz ersetzen.
Der Zusammenhang zwischen Schulbildung und Kinderreichtum ist offensichtlich. Eine Studie des UNDP (UN Development Program, 1998) ist klar: 70% der Frauen, die weniger als vier Schuljahre besucht haben, stellen vier und mehr Kinder auf die Welt und nur 30 % dieser Frauen haben weniger als vier Kinder. Bei den besser geschulten Frauen hingen haben 81 % der Frauen weniger als vier Schwangerschaften und nur knapp 20% von ihnen mehr als vier Schwangerschaften hinter sich. Unnötig zu sagen, dass auch die Kleinkindersterblichkeit in den Grossfamilien sehr viel höher ist. Bei den Männern bringt eine Verbesserung der Schulbildung eine Vervielfachung der landwirtschaftlichen Produktivität. Der Ansatzpunkt für die Armutsbekämpfung ist ganz klar: Schule und Bildung und nochmals Schule und Bildung.
Politische Faktoren
Die ganze Geschichte des Landes hat natürlich bis heute einen anhaltenden Einfluss auf die traurige Gegenwart und auf die fast hoffnungslose Zukunft. Man kann nicht sagen, dass die Politiker, die seit 1990 an der Macht sind Schuld an der Misere haben. Es ist sehr viel Geld in ehrgeizige und auch meistens technikabhängige Projekte investiert worden. Die Republik Taiwan (Formosa oder National-China) hat die grössten Projekte und wird daher von São Tomé in New York in der UNO-Vollversammlung immer von São Tomé gegen die Voten des kommunistischen Chinas unterstützt. Dieses Land und auch mehrere andere haben prestigeträchtige und augenfällige Projekte unterstützt, die wohl im Moment der Einweihung beeindrucken aber den Gang der Dinge im Lande nicht nachhaltig beeinflussen. Sie haben z.B. in Zentrum der Hauptstadt eine grosse Bibliothek in einem Prachtbau erbaut, worin einige wenige Bücher stehen, die die allerwenigsten Einwohner des Landes überhaupt lesen können.
In edelster und bester Absicht hat auch die Weltbank wahrscheinlich das Obligatorium von sechs Schuljahren für alle zur Bedingung für die Finanzierung einiger Projekte gemacht. Sie hat aber keine Mittel zur Realisierung von vier geschweige denn für sechs obligatorischen Schuljahre gegeben. Auf Druck dieser Bank und mit Unterstützung des UNICEFs darf neuerdings keine Staatsstellen an Leute vergeben werden, welche nicht mindestens sechs Schuljahre nachweisen können. Man wollte so die Kinderarbeiten verhindern. Es hilft aber niemand dem Staat, die Infrastrukturen und die Ausbildung der Lehrkräfte dazu aufzubauen. So ist und bleibt der Grossteil der Erwachsene arbeitslos und die Kinder werden in ihrem Überlebenskampf vom Schulbesuch abgehalten.
Ist die Lage hoffnungslos?
Wir Menschen aus den Überflussländern dürfen die Situation in Afrika nicht als hoffnungslos bezeichnen nur weil wir keine bequeme Lösungen für die Probleme der Dritten Welt zu Hand haben. In São Tomé wird das Elend wegen der Kleinheit des Landes besonders augenfällig weil es uns auf Schritt und Tritt begleitet. In grösseren Ländern gibt es überall die „besseren“ Quartiere und die Ghettos für Touristen, die uns falsche Tatsachen vorspiegeln. So realisieren zum Beispiel die wenigsten Touristen, die für wenig Geld in die Karibik, Ostafrika oder in den Indischen Subkontinent reisen, den wirklichen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Notstand der Bevölkerung nur weil die Infrastruktur in ihrer unmittelbaren Umgebung ja so gut funktioniert und weil die Hotelanlagen soviel neuer sind als in Europa. Der moderne Tourismus schafft lediglich ein Zerrbild einer traurigen Realität. Wenn wir endlich erkennen würden, wo der wirkliche Ursprung der Armut liegt, nämlich in der Ignoranz der Drittweltländer, wäre der verhängnisvolle Teufelskreis zu bremsen oder sogar aufzuhalten. Es scheint aber, dass eine Horde ungebildeter, wehrloser Hungerleider leichter zu regieren und zu manipulieren ist als kritische Bürger mit fundierter Selbstverantwortung.
Das wirtschaftliche Gefälle zwischen Nord und Süd, bzw. zwischen der Industrialisierten und Dritten Welt steigt beängstigend rasch. Die modernen Kommunikationsmittel wie Fernsehen, Film und Radio macht den Unterschied auch für die Einwohner auch entlegener armen Gebiete immer augenfälliger. Die modernen Migrationsbewegungen (im Klartext Asylanteströme) haben nur scheinbar wirkliche politische Hintergründe, sie sind vielmehr der Ausdruck einer raschfortschreitender Verarmung und Aushöhlung der gesellschaftlichen Strukturen durch Hunger und durch künstlich geschaffene falsche Konsumbedürfnisse in den Drittweltländern. Entweder bringen wir Völker der Überflussgesellschaft der Dritten Welt einen Teil unseres Reichtums oder diese holt sich ihren Anteil direkt bei uns ab und dann wahrscheinlich ohne unser Zutun und Kontrolle ab.
Was kann die Industrialisierte Welt zur Verbesserung der sozialen Situation in Afrika beitragen? Nur eine ehrlich gemeinte Hilfe zur Selbsthilfe ist sinnvoll, denn die Ländern wollen nicht mehr auf Jahrzehnte hinaus von den Gebern abhängig sein. Diese Hilfe muss in allererster Linie und über genug lange Zeit eine Schulbildung für alle auf möglichst hohem Niveau beinhalten. Erst dann kann eine funktionierende Wirtschaft , welche auch rationell und effektiv produziert, aufgebaut werden. Der Return-of-Investment wird nicht unmittelbar sein er wird dann nach einer bis zwei Generationen aber gross und anhaltend sein. Die Schulbildung bringt es auch mit sich, dass Männer und Frauen sich besinnen, sich Prioritäten im Leben setzen und ihre Lebens- und Familienplanung aktiver in die Hand nehmen.
Was kann in São Tomé konkret gemacht werden?
Die Probleme der Entwicklungsländer und hier speziell von São Tomé sind so gross, dass man nicht weiss wo mit deren Lösung anzufangen. Ohne Zweifel wurden fast überall die Prioritäten falsch gesetzt. Diese Ländern können eine Lösung nicht weiter hinausschieben, denn jedes Jahr bringt sie tiefer in das menschliche und wirtschaftliche Elend und in neue Abhängigkeiten, sprich u.a. Auslandverschuldung.
Das Lehrerseminar:
Ohne Zweifel ist eine allgemeine Schulbildung der erste Schritt zur einzig möglichen Hilfe zur Selbsthilfe. Es wäre sicher vorrangig, das Lehrerseminar wieder zu eröffnen. Gerade dieses Unternehmen ist natürlich am aufwändigsten. Eine italienische Organisation hat bereits ein neues Schulgebäude in der Nähe des Gymnasium gebaut. Die Nationalsprache ist nur das Portugiesisch und als Lehrer für dieses Seminar kämen nur Dozenten portugiesischer Muttersprache in Frage. Zwischen Portugal und dessen ehemaligen Kolonien ist das Lohngefälle schon heute viel zu gross und selbst in Angola und Mozambique sind diese Lehrer wahrscheinlich nur schwierig zu finden und wenn schon, müssten diese mit gutem Lohn geködert werden, was wahrscheinlich ohne zwischenstaatliche Abkommen kaum lösbar und finanzierbar sein wird.
Für die allgemeinbildenden Fächer können wahrscheinlich erfahrene Lehrer im Lande gefunden werden. Für spezifische Fächer wie Pädagogik, Methodik, Psychologie usw. fehlen vor Ort sicher die Fachkräfte. Diese müssten in einer ersten Phase im portugiesischen Ausland rekrutiert werden. Die Fachlehrer müssten eigentlich drei Bereiche während zwei bis drei Jahren betreuen:
- Die Ausbildung der angehenden Lehrer in den Spezialfächern (Pädagogik, Methodik, Lerntechniken, Psychologie) zusammen mit einheimischen Dozenten.
- Ausbildung und Coaching einiger angehenden einheimischen Dozenten in diesen Fächern
- Die Weiterbildung der bereits im Lehrberuf tätigen Lehrer in Fortbildungskursen.
Die obgenannten Probleme können nur mit Hilfe von Aussen gelöst werden.

